„Möchtest du lieber alle deine alten Erinnerungen verlieren, oder nie in der Lage sein, neue zu schaffen?“ Er sieht mich fragend an, die Karte in seiner rechten Hand. Wir sitzen auf dem Boden. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich denke nach. Was wäre schlimmer? Die Vergangenheit zu löschen, oder für immer in ihr zu leben?
„Lieber keine neuen Erinnerungen mehr schaffen“, antwortet sie für mich. Ich bin nicht einverstanden. Denn was, wenn das Beste erst noch kommt? „Aber ohne Erinnerungen verliest du deine Identität.“ Vielleicht hat sie recht.
Wir sind das Produkt unserer Vergangenheit. Unserer Erfahrungen. Mit dem Löschen unserer Erinnerung würden wir auch unseren Charakter löschen. Auf Werkeinstellungen zurücksetzen.
Aber ohne neue Erinnerungen könnten wir uns nie wieder weiterentwickeln. Wir würden festhängen. Gefangen in der Vergangenheit. Verdammt dazu, ein Leben lang dieselben Bilder zu sehen, dieselben Ansichten zu haben. Kein Raum für Ausdehnung.
Möchte ich lieber auslöschen, wer ich bin, oder wer ich sein könnte?
„Zieh eine neue Karte“, sagt jemand. Und das Thema ist vom Tisch. Vielleicht ist es besser so. Vielleicht sollte man über manche Dinge einfach nicht zu lange nachdenken. Wir müssen nicht alles wissen. Wir müssen uns nicht in potentiellen Szenarien verlieren, die sowieso niemals eintreten werden.
Wir dürfen unsere Vergangenheit behalten. Auch wenn wir uns vielleicht manchmal wünschen, sie vergessen zu können. Doch sie ist ein Teil von uns, wird immer ein Teil von uns bleiben. Sie hat uns zu der Person gemacht, die wir heute sind. Sie hat uns gelehrt, geprägt, verändert.
Und wir dürfen unsere Zukunft behalten. Auch wenn wir manchmal Angst vor ihr haben. Weil wir sie nicht voraussehen können.
Dabei ist nichts schlimmer, als bereits von vornherein zu wissen, wie etwas endet.
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Marina ♥